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23 - Nichts ist so wie es scheint

Deutschland   1999
Regie:Hans-Christian Schmid
Buch:Hans-Christian Schmid
Michael Gutmann
Kamera:Klaus Eichhammer
Musik:Norbert Jürgen Schneider, Deep Purple, Ton Steine Scherben, Iggy Pop
Darst.:August Diehl (Karl Koch),
Fabian Busch (David),
Dieter Landuris (Pepe),
Jan-Gregor Kremp (Lupo),
Lilly Tschörtner (Beate),
Hanns Zischler (Karls Vater),
Robert Anton Wilson
Länge:99 min

Hannover Mitte der 80er Jahre: Das hoch begabte junge Computer-Talent Karl Koch überträgt die Verschwörungstheorie aus Robert Anton Wilsons Roman-Trilogie "Illuminatus!" auf seinen Alltag und wandelt sich unter dessen Einfluss vom selbstverantwortlichen Subjekt zum fremdbestimmten Objekt. Als er das Maß seiner Abhängigkeiten erkennt, zieht er die Notbremse, ohne noch aus dem existentiellen Zirkel ausbrechen zu können. Am 23. Mai 1989 nimmt er sich 23-jährig das Leben. Ein thematisch wie formal außergewöhnlich komplexer, im Godardschen Sinne auch politischer Film, der zugleich von der Verarmung im zwischenmenschlichen Bereich handelt. Ausgehend von einer tatsächlichen Begebenheit, entstand ein Werk, in dem sich unerwartete Potenzen jenseits einer sich ansonsten in Belanglosigkeiten auflösenden, nationalen Kinematografie formulieren.
Hans-Christian Schmid hat mit „23“ einen der besten deutschen Filme entworfen, die in den letzten Jahren entstanden sind. Von den Eckdaten des Sujets eher weniger einladend, entwickelt der Stoff eine verblüffende inhaltliche und formale Komplexität. Grundlegende Tugend ist dabei das Maß, in dem der Regisseur Thema und Figuren ernst nimmt. Erst diese Ernsthaftigkeit verschafft ihm inszenatorischen Spielraum, der auch intelligenten Humor einschließt. Schmid setzt seine filmischen Mittel zielsicher ins Verhältnis zum inhaltlichen Anliegen, stellt die Konzeption des deutschen Erzählkinos damit vom Kopf auf die Füße. Hier ist ein Film nicht länger bloßes Mittel zum Zweck (des Verkaufens nämlich) – hier wird ein Stoff optimal aus sich selbst heraus entwickelt. Es braucht deshalb auch keine Stars in spleenigem Outfit oder marktschreierische Effekte. Das triste Hannover der 80er Jahre als Kulisse für einen Computer-Thriller? Dies klingt zunächst fast absurd. Aus der Provinzialität heraus schält sich jedoch sehr bald eine ebenso packende wie universelle Geschichte, die sogar weit über die handlungstragende Verschwörungstheorie hinausgeht. Die Tragödie des begabten Kindes, das sich gegenüber Elternhaus und sonstiger sozialer Prägung zu emanzipieren trachtet, aber gerade dadurch zum Spielball eigendynamischer Kräfte wird und schließlich am Zynismus von Geheimdiensten und Medien zerbricht, hat klassische Dimension. Daß es dabei z.B. um Computernetze geht, markiert nur die Spezifik des Themas; von seiner Essenz her hätte der Konflikt auch in Castrop-Rauxel oder Karl-Marx-Stadt angesiedelt sein können. „23“ verliert sich also nicht in technischen Details, weiß stets seine inhaltlichen Prioritäten zu setzen. Dies geht mit einer nie ins Kunstgewerbliche abdriftenden Genauigkeit der Ausstattung nebst fast versteckten Kleinigkeiten („Atomkraft – nein Danke!“-Buttons, Musikauswahl) einher, die stets treffend den Zeitgeist erfassen und die Charaktere umreißen. Höchste Sorgfalt wurde auf die Besetzung verwendet. Debütant August Diehl absolviert die Passion des begabten Hackers Karl Koch mit all ihren Metamorphosen auf fast beängstigend dichte Weise: Vom unbeschwerten Jugendlichen über den ob der digitalen Möglichkeiten euphorisierten Aufsteiger bis hin zum in völliger Ausweglosigkeit Endenden nimmt man ihm sämtliche Wandlungen ab. In den Nebenrollen setzt sich diese Sorgfalt fort: Dank präziser Vorbereitung durch das Drehbuch reichen hier oft nur wenige Andeutungen, um differenzierte Beziehungssysteme auszumachen. So vermag es der in gewohnter Souveränität agierende Hanns Zischler in seinen wenigen Auftritten am Anfang des Films, eine höchst widersprüchliche Vater-Sohn-Konstellation zu umreißen, deren Plastizität über die gesamte Handlungslänge präsent bleibt. Oder Lilly Tschörtner als zeitweilige Freundin des scheiternden Helden: Mit ihrem Verschwinden aus der Erlebniswelt Karl Kochs wird seine Verarmung im zwischenmenschlichen Bereich ohne viel Aufhebens erzählt. Mehr und mehr kommt er sich selbst abhanden, Liebe und Sexualität spielen kaum mehr eine Rolle. Eine souveräne Ökonomie der Blicke erzählt hier mehr als dies umständlich eingefädelte Nebenlinien vermocht hätten. „23“ stellt sich als Glücksfall für die hiesige Kinolandschaft heraus und ist ein Beleg dafür, daß noch lange nicht alle Geschichten erzählt sind. Dieser Film ist zudem im Godardschen Sinne politisch: Es formulieren sich darin unerwartete Potenzen jenseits einer sich sonst in Belanglosigkeiten auflösenden nationalen Kinematografie.

(Oliver/Thomas )

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