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Interview mit Michael Müller, Regisseur des Vorfilms "Ulm Timelapse"

Interview mit Michael Müller, Regisseur des Vorfilms "Ulm Timelapse"
© Michael Müller

Ulm, den 16.12.2011 – Diese Woche lief bei uns im Kino ein Vorfilm von Michi. Alle, die es leider nicht ins Kino geschafft haben, können sich hier den Kurzfilm "Ulm Timelapse" ansehen. Weil uns nicht nur der Film, sondern das Wie, Warum und Sowieso interessiert, haben wir für euch ein paar Fragen an den Filmemacher gestellt.

Cineasta: Hallo Michi. Wie kamst du auf die Idee für deinen Kurzfilm und was hat dich dazu motiviert so ein Projekt zu starten?

Michi: Ich habe mir vor ein paar Wochen eine lang ersehnte Kamera geholt und habe seither alles Mögliche fotografiert und gefilmt. Ich hatte Lust etwas Cooles zu machen, was über ein normales Foto hinausgeht. Bei mir ist es meist so, dass ich mich in so etwas dann ein paar Wochen lang hineinsteigere und dann nichts anderes mehr mache. Glücklicherweise hat man als Student die Möglichkeit, sich für genau solche Dinge dann auch etwas Zeit zu nehmen. Mir ist es enorm wichtig, dass ich an Dingen arbeiten kann, die mich wirklich begeistern.

Cineasta: Was bringt dich überhaupt dazu Filme zu machen. Was genau interessiert dich daran und wie kamst du denn zu diesem Medium?

Michi: Die Idee des Independent Filmmaking reizt mich sehr. Heutzutage reicht es aus, sich eine Kamera zu besorgen, etwas zu drehen und die Aufnahmen ins Internet zu stellen. Man ist nicht mehr auf eine große Crew angewiesen, sondern kann mit kleinem Budget schon tolle Ergebnisse erzielen.

Der Independent Filmmaker Andrew Wonder hat etwa die (ziemlich coole) Dokumentation "Undercity" über stillgelegte, nicht öffentlich zugängliche Bahnschächte gedreht indem er einfach mit einer Kamera und einem Begleiter dort hinunter gestiegen ist.

Diese Idee etwas nicht lange planen zu müssen, nicht lange Genehmigungen einzuholen, sondern etwas einfach zu machen und zwar am Besten jetzt sofort, gefällt mir sehr. Ich kann es nicht leiden, wenn Dinge über Monate geplant werden müssen. Da verliere ich dann viel zu schnell die Motivation.

Cineasta: Die Auswahl der Hintergrundmusik ist ja auch sehr wichtig für die Stimmung eines Filmes. Worauf hast du bei der Wahl des Songs geachtet?

Michi: Musik ist immer eine ganz besondere Frage, insbesondere im Hinblick auf Lizenzprobleme. Ich wollte alles richtig machen und habe mir deswegen ein Lied unter einer freien Lizenz ausgesucht. Auf Plattformen wie jamendo.com oder ccmixter.org stellen Künstler ihre Werke unter einer passenden Lizenz zur Verfügung, die es Leuten wie mir – unter gewissen Einschränkungen – möglich macht, das Lied kostenlos zu verwenden, zu ändern und weiterzugeben, solange ich den Künstler als Urheber nenne.

Was den Song im Video angeht, hatte ich ein cooles Lied gefunden, das aber noch Vocals enthielt. Ich habe den Künstler – einen Kanadier – dann einfach angeschrieben und ihm von meinem Projekt erzählt. Ich wollte unbedingt ein reines Instrumentallied. Er fand die Idee und die Bilder cool und hat mir dann eine Instrumentalversion erstellt. Die ganze Aktion vom Anschreiben bis zur fertigen mp3 hat vielleicht eine halbe Stunde gedauert. So macht das Arbeiten einfach verdammt viel Spaß! Fernab von GEMA & Co.

Diese Szene hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, heute gibt es enorm viele sehr talentierte Künstler, die ihre Werke unter eine freie Lizenz stellen. Auch durchaus Bekannte, wie etwa die Nine Inch Nails oder Paulo Coehlo.

Cineasta: In deinem Film sind viele bekannte Orte aus Ulm gezeigt, zum Beispiel der Bahnhof. Das ist ja eigentlich ein Firmengelände ... gab es da keine Probleme mit dem Filmen?

Michi: Ja, die Firmengelände sind immer problematisch. Eigentlich hat es keine Firma gern, wenn da einfach einer mit Stativ auf dem Gelände auftaucht und zwei Stunden lang das Firmengebäude filmt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn man sich freundlich verhält und klar erklärt, dass man ein sympathischer, junger Student ist, der einfach nur etwas Cooles machen will auch die Security nachsichtig sein kann. Manchmal.

Cineasta: Ach so, manchmal... Gab es sonstige Hindernisse oder Pannen?

Michi: Es gab einige Locations, die ich ein paar Mal gemacht habe, weil immer wieder was schief gegangen ist. Auf dem Turm bei der Wilhelmsburg war ich drei Tage lang bis ich das Ganze so hinbekommen habe, wie ich es wollte. Letztlich lag es immer an äußeren Umständen, so dass mir unter anderem das Objektiv ein paar Mal beschlagen ist. Es ist halt auch manchmal verdammt kalt hier :) Und der Nebel macht Aufnahmen natürlich schwierig. Letztlich ist das aber auch wieder sehr charakteristisch für Ulm. Das Objektiv ist mir mehrere Male so beschlagen, dass man nichts mehr sieht. Genau das sieht man übrigens ganz am Ende des Films :)

Cineasta: Es dauert aber schon eine Zeit, bis so ein Objektiv beschlägt. Und uns ist ja auch klar, dass man für eine Aufnahme, wie in deinem Film, etwas Zeit investieren muss, aber wie lange hat denn eine Szene wirklich gedauert?

Michi: In der Regel braucht man für eine Sekunde Filmzeit etwa 24 Bilder damit es gut rüberkommt. Damit sich ein "Lichtspuren"-Effekt ergibt, muss die Belichtungszeit für ein Bild bei einigen Sekunden liegen. Einige Sequenzen hatten eine Belichtungszeit von 30 Sekunden. Das heißt, zwei Bilder in der Minute. Heißt: Für eine Filmsekunde zwölf Minuten und für fünf Sekunden Filmzeit eine Stunde Drehzeit.

Cineasta: Ui, da hast du aber wirklich viel Zeit in dein Projekt investiert...

Michi: Zurückblickend schon, aber ich habe nicht den Eindruck, dass es jemals zäh war oder ich mich überwinden musste, von daher ist mir das gar nicht aufgefallen. Das lief einfach.

Cineasta: Hast du zurzeit noch andere Projekte?

Michi: Mit einigen anderen Informatikstudenten schreibe ich auf dem Blog ioexception.de über diversen abgefahrenen Nerdkram. Ansonsten engagiere ich mich in der Open Data Hochschulgruppe ulmAPI.de an der Uni. Wir setzen uns dafür ein, dass städtische Daten offengelegt werden, die für Visualisierungen oder andere Projekte interessant sein könnten. Dabei reden wir dann mit Leuten von der Stadt und versuchen die Daten so aufzubereiten, dass sie möglichst einfach zugänglich sind. Wir planen für das kommende Frühjahr 2012 einen Open Data Hackathon in Ulm. Ein Wochenende, an dem wir Räumlichkeiten zur Verfügung stellen werden und jeder, der Lust hat, dann hinzukommen kann, um aus den Daten etwas Cooles zu bauen. Dazu wird es bald noch mehr Infos geben.

Cineasta: Vielen Dank für deinen Kurzfilm und den interessanten Einblick in dein Projekt. Hoffentlich können wir mehr von dir sehen. Zum Abschluss noch eine ganz andere Frage: Welchen Film würdest du gerne nächstes Semester im Cineasta sehen?

Michi: Als Cineast bin ich natürlich auch ein Verehrer von Filmen abseits des Mainstreams. Richtig gut gefallen hat mir "Cashback". Ein Film über das Aufarbeiten gescheiterter Beziehungen, nackte Haut und Schönheit. Mir hatte die visuelle Umsetzung und der ganze Film unheimlich gut gefallen.

Das Interview führte unsere Filmreferentin Geli Holzinger. Wir danken Michael Müller für den Einblick in sein Schaffen!